Hundertwasser war Maler, beschäftigte sich seit den frühen 1950er-Jahren jedoch auch mit Architektur und verfolgte konsequent das Ziel einer natur- und menschengerechteren Bauweise. Sein Engagement begann mit Manifesten, Essays und Demonstrationen: 1958 verlas er das „Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur“, in dem er die geometrisch gerade Linie und die funktionale Architektur ablehnte. In den „Nacktreden für das Anrecht auf die Dritte Haut“ 1967 und 1968 kritisierte er die Sterilität des Rastersystems und die industrielle Serienproduktion. Mit seinem „Los von Loos“-Manifest forderte er das Recht auf individuelle Bauveränderungen und die Begrünung von Dächern, sodass Bäume wachsen und die Dächer zu Wäldern werden können.
In den 1970er-Jahren entstanden erste Architekturmodelle, u. a. für die TV-Sendung „Wünsch Dir was“ (1972), mit denen er Dachbewaldung, Baummieter und Fensterrecht veranschaulichte. In diesen Modellen visualisierte er alternative Bauformen wie das Terrassenhaus, das Hoch-Wiesen-Haus, das Spiralhaus oder das Grubenhaus, und präsentierte Ideen für eine begrünte Tankstelle und für grüne, unsichtbare Autobahnen. Hundertwasser versuchte, Architekten weltweit für seine Anliegen zu gewinnen, z. B. bei Vorträgen in San Francisco, Washington D.C. und London. Zwar stieß er auf Applaus, eine Umsetzung hielt man jedoch für unmöglich.
Ab den frühen 1980er-Jahren realisierte er selbst zahlreiche Projekte, insgesamt entstanden ungefähr 40 Architekturprojekte, in denen Fensterrecht, Baummieter, unebene Böden, Dachbewaldung und vertikale Fassadenbegrünung verwirklicht wurden.
Sein Einsatz für eine natur- und menschengerechte Bauweise trug wesentlich dazu bei, ökologisches Denken in der Gesellschaft zu verankern.
Hundertwasserhaus
Dieser Gemeindebau im dritten Wiener Bezirk war das erste Projekt, in dem Hundertwasser seine Architekturvisionen verwirklichen konnte (Architekten: Josef Krawina und Peter Pelikan). Nach Fertigstellung des Rohbaus arbeitete er ein Jahr lang täglich Seite an Seite mit den Handwerkern auf der Baustelle. Die begrünten und bewaldeten Flächen des Hauses betragen mehr als 100 Prozent der Grundrissfläche. Auf dem Dach wurde der Natur zurückgegeben, was ihr durch den Bau des Hauses weggenommen wurde.
Auf die Eröffnung im Jahr 1986 folgten weltweit Dutzende weitere Bauten, teilweise sogar in parallel ablaufenden Planungs- und Errichtungsphasen.
Fernwärmewerk Spittelau
Unter den im KunstHausWien ausgestellten Architekturmodellen ist das des Fernwärmewerkes Spittelau: ein Projekt, das in Wien für die hitzigsten Diskussionen sorgte, die es je um einen Bau des „Architektur-Doktors“ gegeben hat. Er wurde 1987 von Bürgermeister Helmut Zilk dazu eingeladen, die abgebrannte Müllverbrennungsanlage zu gestalten. Bürgerinitiativen wollten die Wiedererrichtung verhindern, ArchitektInnen und Medienvertreter*nnen waren empört darüber, dass Geld für die „Dekoration einer Dreckschleuder“ zur Verfügung gestellt werden sollte. Umweltschützer*innen beklagten den Bruch mit ihrer grünen Philosophie. Hundertwasser nahm nach längerer Bedenkzeit den Auftrag an, da die Anlage mit modernsten technischen Einrichtungen zur Reinigung der Emissionen ausgerüstet und 60.000 Wohnungen mit Fernwärme versorgt wurden. Er sah den von ihm gestalteten Industriebau als „Mahnmal für eine schönere, abfallfreie Zukunft“. So wie das Hundertwasserhaus gehört die Anlage und ihr 126 Meter hoher, glänzender Schlot heute zu den Wahrzeichen und Tourist*innenmagneten der Stadt.
Das Hügelwiesenland
Seit 1984 beschäftigte sich Hundertwasser mit der Idee einer Wohnsiedlung, um der Zersiedlung durch Einfamilienhäuser oder Reihenhaussiedlungen entgegenzuwirken und trotz Bebauung Naturräume zu schaffen.
1987 beauftragte die Wiener Betriebs- und Baugesellschaft eine Projektstudie für eine Siedlung am Hermelinweg. 1989 entstand auf Basis der Pläne von Architekt Peter Pelikan das Modell des Hügelwiesenlandes, in dem Hundertwassers frühere Häuserideen weiterentwickelte wie beispielsweise das „Rehrückenhaus“. Eine Siedlung aus begrünten Häusern, die im Sommer angenehm kühl, im Winter behaglich warm sind und deren hügelartige Dächer zum Wandern einladen.
Die Anlage in Wien wurde nicht realisiert, unter anderem wegen der Gegnerschaft einer Bürgerinitiative, die Störungen durch Touristen befürchtete. Erst mit dem Auftrag von Robert Rogner für das Thermendorf Blumau ergab sich für Hundertwasser die Möglichkeit, eine beispielhafte Bebauung im Einklang mit der Natur zu verwirklichen.